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Während sich Filme aus Hollywood seit über 100 Jahren in aller Welt großer Beliebtheit erfreuen, ist in Tinseltown unter der kalifornischen Sonne vor allem eines besonders gern gesehen: Filme über sich selbst. Glücklicherweise bot das Zentrum der US-Filmindustrie dafür abseits der Leinwand immer schon genügen Stoff. So war die Metropole jüngst in Once Upon A Time In Hollywood von Quentin Tarantino oder La La Land von Damien Chazelle die Hauptdarstellerin. Neben zahlreichen weiteren Filmen setzte sich auch Billy Wilders Boulevard der Dämmerung mit den Dynamiken der Traumfabrik auseinander. Nun verfilmte Regisseur David Fincher mit Mank ein Drehbuch seines Vaters Jack Fincher über den Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz (1897-1953). Er erlangte in den 1940er Jahren nicht zuletzt deshalb Bekanntheit, weil er das Drehbuch für Citizen Kane von Orson Welles verfasste. Dem Film liegt ein Drehbuchstreit zugrunde. Lange galt als ungeklärt, wie groß der jeweilige Anteil von Mankiewicz und Welles gewesen ist. Es war eine Zeit, in der Film nicht als Gemeinschaftsprojekt verstanden wurde, sondern der Regisseur als zentraler kreativer Urheber galt.

Darum geht es

Das junge aufstrebende Talent Orson Welles (Tom Burke) beauftragt Herman J. „Mank“ Mankiewicz (Gary Oldman) das Drehbuch für seinen nächsten Film zu schreiben. Dafür stellt er Mank, der durch einen Autounfall ans Bett gefesselt ist, ein Haus in der Mojave Wüste zur Verfügung. Dort soll er ungestört, weil dem Alkohol nicht abgeneigt, seiner Sekretärin Rita Alexander (Lily Collins) diktieren. Es ist das Jahr 1940 und die Handlung springt folglich immer wieder in die 1930 Jahre zurück.

Dabei sehen wir vor allem Episoden, die Mank letzten Endes dazu gebracht haben, das Drehbuch zu Citizen Kane zu verfassen. Kanes reales Vorbild ist der Geschäftsmann und Herausgeber William Randolph Hearst (Charles Dance). Ihn lernt Mank über die Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried) kennen.

In weiterer Folge kommt es zu mehrere Begegnungen zwischen Hearst und Mank. In Rückblenden wird die Studiolandschaft, vor allem mit MGM und Louis B. Mayer (Arliss Howard), genauso thematisiert, wie die Propaganda während des Wahlkampfs um den kalifornischen Gouverneur im Jahr 1934.

Manks Alkoholsucht macht ihm immer mehr zu schaffen. Trotzdem vollendet er das Drehbuch binnen weniger Wochen. Obwohl es von Seiten des Produzenten bedenken gibt, da sowohl Hearst als auch Davies offensichtlich erkennbar sind, möchte Welles ihm sämtliche Rechte am Buch abkaufen. Mank verlangt jedoch, als Autor genannt zu werden. Es sollte die herausragendste Arbeit seiner Karriere sein.

Mank und die folgenschwere Begegnung mit Marion Davies auf einem Filmset.

Kommentar

David Fincher gilt als Perfektionist, um nicht zu sagen als Pedant. Im Falle von Mank lässt es sich bereits im Trailer erahnen und schon beim Netflix Schriftzug zu Beginn ist es klar, er meint es ernst. In strahlendem, digital perfektem, Schwarzweiß präsentiert sich seine Hommage an das alte Hollywood. Der Ton ist leicht hallig, wie man es aus alten Filmen kennt. Bildfehler wurden nachträglich hinzugefügt. Genauso wie die Markierungen in der rechte oberen Ecke, die als Hinweis für Filmvorführer gedacht waren, damit sie wussten, wann sie während der Projektion die Filmrolle wechseln mussten. Vieles erinnert hier stilistisch an jene Zeit, in der die Handlung spielt. Einzige das Filmformat Cinemascope fällt buchstäblich aus dem Rahmen. Es wurde erst Anfang der 1950er Jahre eingeführt.

Der Aufbau der Geschichte mit Rückblenden erinnert genauso an Citizen Kane, wie die Kamera von Erik Messerschmidt. Große Tiefenschärfe und extreme Blickwinkel von oben und unten erinnern stark an die Arbeit von Gregg Toland, dem damaligen Kameramann. Gedreht wurde Großteils im Studio. Dort sind auch die charakteristischen Autofahrten vor Leinwandprojektionen entstanden, wie man sie aus alten Filmen kennt.

Auftritt Josef von Sternberg, David O. Selznick, Louis B. Mayer, Irving Thalberg, Charles Lederer und natürlich Orson Welles (wenn auch nur in kurzen Szenen). Es sind schon eine ganze Reihe an Hollywood-Legenden, die Manks Weg kreuzen. Die Geschichte funktioniert ohne großes Vorwissen. Freilich sind diese Namen einem breiteren Publikum heute nicht mehr bekannt. Ebensowenig die Studiolandschaft der damaligen Zeit von RKO bis MGM und die politischen Positionen. Wozu also der ganze Aufwand?

Gary Oldman, nicht gerade bekannt für seine zurückhaltende Darstellungen, ist zurecht der Star des Films. Er hält alles zusammen. Sonst würde die Geschichte wegen der unzähligen oft nur kurzen Auftritte anderer Charaktere auseinanderfallen. Die gesamte DarstellerInnenrige ist durch die Bank gut besetzt. Seyfrieds Davies ist mehr als ein kleines Starlet. Die Dialoge sind eine regelrechte Freude. Freude, strahlen die Protagonisten jedoch nicht aus. Es sind keine glänzenden Hollywoodstars. Mank taugt daher auch nicht als Liebeserklärung an Hollywood.

Die Passagen über den Wahlkampf um das Gouverneursamt sind unschwer als Verweis auf die Gegenwart zu verstehen, die Parallelen verblüffend. Die Manipulation gipfelt im Heraufbeschwören eines vermeintlich drohenden Kommunismus. Fincher gelingt es die Brücke zu schlagen und die Thematik mit der Haupthandlung zu verweben.

Der Geschichte liegt ein Essay der Filmkritikerin Pauline Kael zugrunde. Sie hatte 1971 erstmals Welles‘ Anteil an der Urheberschaft am Drehbuch in Frage gestellt. Citizen Kane galt viele Jahrzehnte lang als bedeutendster Film aller Zeiten. Mank gelingt es das zu würdigen, obwohl bis zum Ende der Handlung noch keine Szene von Kane im Kasten sein wird. Ob die Geschichte auch nicht Filmfans fesseln kann, sei dahingestellt. Vermutlich wird es Mank selbst bei Cineasten schwer haben. Bei Netflix bleibt man jedenfalls der Linie treu, immer wieder Geschichten zu produzieren, die sonst wohl kaum mehr Chancen auf eine Umsetzung hätten. Gut möglich, dass damit neuerlich ein Prestigeprojekt geglückt ist. Das Publikum lässt man diesmal aber eher ratlos zurück.

Die technische Perfektion und Detailverliebtheit ist jedenfalls beeindruckend. Wenn es Gründe braucht, die Kinos wieder aufzusperren: Mank ist einer davon.

DAVID FINCHER | MANK | USA 2020 | 131 MIN. | 3.5 out of 5 stars

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