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Es ist schon auffällig. War bisher Bad Luck Banging or Looney Porn von Radu Jude einer der wenigen Filme, in der die Pandemie nicht nur spürbar war, sondern sie eine tatsächliche Rolle spielte, so ist es nun immer öfters nicht zu übersehen. Von Claire Denis bis Hong Sang-soo: die Pandemie ist im Film angekommen. Teilweise sind die Geschichten davon stark beeinflusst und dann wiederum erinnern uns die Masken daran. Das war im Vorjahr noch ganz anders.

73.700 Menschen besuchten dieses Jahr Veranstaltungen der Viennale. Dass ist doch eine beachtliche Steigerung zum Vorjahr (2021: 58.200). Die Auslastung ging allerdings um 3% zurück auf 71%. Der Viennale ergeht es hier nicht anders als dem restlichen Kulturbetrieb, der damit zu kämpfen hat, das Publikum zurückzugewinnen. Allerdings verbuchten die in einer künstlerischen Krise steckenden Wiener Festwochen mit einer Auslastung von 83% gleich 12% mehr. Vorstellungen, die eigentlich ausverkauft sein müssten, waren es bei weitem nicht immer. Auch gab es oft noch kurzfristig Karten (wie so oft waren gerade (US-)Filme gefragt, deren regulärer Kinostart ohnehin mehr oder weniger bald bevor steht).

Wenn ich das richtig sehe, waren Netflix Produktionen in diesem Jahr nicht vertreten. Kino und Streaming bleibt also weiterhin ein Spannungsfeld. Allerdings war das Programm in diesem Jahr wieder gefühlt breiter aufgestellt als im vergangenen Jahr.

Was ich mir von der Viennale wünschen würde? Dass ein Termin in den Ferien eher ungünstig ist, damit müssen alle mit Kindern leben. Der Großteil des Publikums scheint nach wie vor jünger zu sein. Aber die letzten Vorstellungen so anzulegen, dass man gegen 0:30 noch in die letzte U-Bahn kommt, müsste doch machbar sein, indem man die Vorstellungen etwas vorverlegt und für diese Termine Filme mit tendentiell kürzerer Laufzeit auswählt.

Jedenfalls hätte das Filmfestival in diesem Jahr gern noch länger weiter laufen können. Einige Filme sind sich nicht ausgegangen. In den nächsten Monaten werde ich sie nachholen.

Nach der Viennale – Halbzeit hier nun einige weitere Filme des Festivals im kurzen Überblick:

The Whale, Darren Aronofsky, USA 2022, V’22 Features

THE WHALE (Darren Aronofsky, USA 2022)

Da sollte man schon ganz groß Aronofsky auf die Filmplakte schreiben. Allein vom Anschauen her kommt da wohl keiner drauf. Sehr konventionell geraten aber umso eindringlicher. Brandon Fraser in einer Fatsuit. An ihm kommt in diesem Jahr buchstäblich niemand vorbei. Was für eine Karriere für George aus dem Dschungel.

Klopf! Klopf! Ja man merkt, dass es sich hierbei ursprünglich um ein Theaterstück handelt. Jeder Auftritt passiert durch die Wohnungstür und kündigt sich durch ein Klopfen an. Aber es dreht sich ohnehin alles um Fraser, der sich um Leib und Leben spielt. Wobei ihm Sadie Sink als Tochter durchaus Paroli bietet. Zu ihr versucht der Literaturprofessor eine Beziehung aufzubauen, nachdem er für einen Mann Frau und Familie verlassen hatte.

The Whale schrammt nur haarscharf an einer unerträglichen Stereotypisierung vorbei. Frasers Charakter ist adipös, weil er – man muss es sagen – frisst wie ein Schwein. Dabei sind nicht wenige Menschen, die stark übergewichtig sind, eben nicht wegen der Ernährung viel dick, sondern trauen sich nicht mal richtig zu essen. Sie werden als verfressen abgestempelt. Um dem entgegenzuwirken, tut der Film nicht gerade viel.


Brendan Gleeson and Colin Farrell in the film THE BANSHEES OF INISHERIN. Photo by Jonathan Hession. Courtesy of Searchlight Pictures. © 2022 20th Century Studios All Rights Reserved. The Banshees of Inisherin, Martin McDonagh, Großbritannien/Irland/USA 2022, V’22 Features

THE BANSHEES OF INISHERIN (Martin McDonagh GB,/IRL/USA 2022)

Mit seinem Nachfolger von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri aus dem Jahr 2017 hat Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh neuerlich einen Volltreffer erziehlt. Die skurrile Geschichte einer jäh zu Ende gegangenen Männerfreundschaft auf einer einsamen irischen Insel ist nicht nur exzellent geschrieben, sondern noch dazu wunderschön in Szene gesetzt. Wie schon bei Billboards lebt auch The Banshees of Inisherin von einer formidablen Ensembleleistung, allen voran Colin Farrell, der Brandon Fraser bei den Oscars gefährlich werden könnte. Ihm zur Seite steht wie schon in Brügge sehen … und sterben? Brendan Gleeson. Kerry Condon spielt Farrells Schwester und Barry Keoghan zeigt als Sohn des Dorfpolizisten, dass er zu den Großen seiner Generation zählt.

Die Vorstellungen bei der Viennale gingen unter Aufsicht der Disney-Polizei von statten, die das Mitfilmen verhindern soll (Wen interessiert das heute überhaupt noch?). Wenn man da einen Randsitz hat, kommt man sich wie ein Ladendieb vor. Vielleicht sollte man eher den späten regulären Starttermin überdenken (Jänner 2023), wenn man nicht möchte, dass den Film bis dahin schon alle gesehen haben, die es nicht erwarten können oder denen das Kinoerlebnis nicht so wichtig ist.

Hier haben wir es mit einem Highlight des Jahres zu tun. Ist es der beste Film des Jahres? Wir werden sehen.


Broker (Hirokazu Kore-eda, Korea 2022), V’22 Überraschungsfilm

Broker (Hirokazu Kore-eda, KOR 2022)

Eine Frau in Busan legt in einer verregneten Nacht ein Baby vor eine Babyklappe. Dabei wird sie von zwei Kriminalpolizistinnen beobachtet. Die beiden vermuten, dass hinter der Klappe in der kirchlichen Vereinigung Menschenhandel betrieben wird. Aus dieser Situation entspinnt sich ein Roadmovie, in dem die äußerst fürsorglichen Menschenhändler ihr Baby anbringen möchten, dabei von der echten Mutter unterstützt werden und von der Polizei verfolgt werden.

Es ist eine sehr illustre Runde, die hier im Laufe der Geschichte zusammenwächst und durchaus für Unterhaltung sorgt. Es gelingt Kore-eda allerdings nicht, einen Spannungsbogen wie bei Shoplifters aufzubauen. Dafür ist Boker zu geradlinig erzählt. An Wendungen fehlt es und irgendwann stellt man sich, genauso wie die Polizistinnen, die Frage, wann sie das Baby endlich verkaufen.


Saint Omer, Alice Diop, Frankreich 2022, V’22 Features

Saint Omer (Alice Diop, F 2022)

Die Literaturprofessorin und Autorin Rama (Kayije Kagame) beobachtet einen Prozess um eine junge Frau (Guslagie Malanda), die ihr Kind getötet haben soll. Die Regisseurin selbst wohnte 2016 einem Prozess bei, der dieser Geschichte zu Grunde liegt. Da sie selbst gerade schwanger ist, ist der Prozess für Rama emotional sehr aufwühlend. Sie fühlt sich durch ihre gemeinsame senegalesische Herkunft mit der Angeklagten verbunden. Gleichzeitig versucht sie in ihrem Buch, dass sie über den Fall schreiben möchte, einen Zusammenhang zum Medea-Mythos herzustellen.

Diop inszeniert den Prozess aus einer Beobachterperspektive, so als wären wir mit im Saal. Die Kamera wandert durch den Raum. Nicht immer sind jene im Bild, die gerade sprechen. Mal tritt die Sprache in den Hintergrund und wird von Musik überlagert, ganz so, als würden wir in Gedanken abschweifen. In ihrem Abschlussplädoyer richtet sich die Verteidigerin Richtung Kamera, als wären wir die Geschworenen. Niemand vermag zu verstehen, was die Motivation zu der Tat gewesen sein mag. Die Angeklagte selbst spricht von Hexerei. Die Regisseurin nimmt sich dem Thema Kindsmord fast schon analytisch an.

Frankreichs Beitrag für den Besten Ausländischen Film bei den Oscars 2023.


So-seol-ga-ui yeong-hwa, The Novelist’s Film, Hong Sangsoo, Südkorea 2021, V’22 Features

The Novelist’s Film (Hong Sang-soo, KOR 2022)

Man spürt sich noch, die Ausläufer der Pandemie aber die Menschen können wieder spazieren gehen und sich wieder treffen. So auch eine bekannte Schriftstellerin (Lee Hye-young), die auf ihren Weg Menschen trifft, die sie spontan dazu inspirieren, Pläne für einen ersten eigenen Film zu schmieden.

The Novelist’s Film erweckt mehr den Eindruck einer Fingerübung für natürliche Konversation, auf die der Regisseur großen Wer legt. Sehr minimalistisch gehalten überblickt die Kamera meist die ganze Szenerie. Schnitte gibt es innerhalb der Sequenzen keine. Das schafft wiederum einen interessanten Rhythmus. Taugt also mehr zur Analyse des Gesamtwerkes von Hong Sang-soo als zur bloßen Unterhaltung.


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