banshees of inisherin

Ein Traum in Pastell und weiß. Am Hollywood Boulevard ist die Welt bei der 95. Verleihung der Oscars noch in Ordnung und das ist gut so. Ablenkung haben wir uns alle verdient. Für die einen – uns – dauert sie dreieinhalb Stunden und für andere ein ganzes Leben. Am 12. März sind die Oscars auch heuer wieder absurd spät vergeben worden und schließen somit das Filmjahr und die Awardseason erst Mitte März 2022 ab. Rückblickend war nicht nur an diesem Abend die Qualität der Filme erfreulich hoch.

Etwas ausgedünnt aber mit einigen bemerkenswerten Produktionen bleibt das Filmjahr 2021 gut in Erinnerung. Der damalige Oscar-Gewinner Coda (Apple TV+) war allerdings nicht einmal unter meinen Top-20 Filmen vertreten (hier nachzulesen). Das ist in diesem Jahr anders. die 10 in der Kategorie Bester Film nominierten Filme waren durchwegs sehenswert.

2022 hat Tom Cruise dem Kino das Leben gerettet. Monatelang hatte er jeglicher Versuchung den Film an einen Streamingplattform zu verkaufen widerstanden. Top Gun: Maverick kam im Juni in die Kinos, nutzte sein Momentum und wurde zum Überraschungshit. Dass er dabei weltweit soviel eingespielt hat, wie Avatar: The Way of Water von James Cameron alleine in den USA, geschenkt. Dann war da noch ein Film, der im März in nur wenigen Kinos gestartet war. Wer konnte ahnen, dass dies den Beginn der unglaublichen Erfolgsgeschichte von Everything Everywhere All at Once von Daniel Kwan und Daniel Scheinert begründete.

Titelbild: The Banshees Of Inisherin (R: Martin McDonagh, IRL/USA/UK 2022)

Die Oscars

Stolze 7 Oscars also für Everything Everywhere All at Once. Das ist ziemlich beachtlich. Warum? In den vergangenen 25 Jahren (Post-Titanic-Ära) hatten nur Slumdog Millionäre (2009) mit 8 Oscars und Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2004) mit 11 Oscars mehr Auszeichnungen abräumen können. Gravity im Jahr 2014 ebenfalls 7. In den übrigen Jahren waren die Statuetten immer sehr verteilt vergeben worden. Blickt man in den jeweiligen Jahren auf die eher schwache Konkurrenz von HdR oder Slumdog Millionäre, dann verwundert es nicht. Umso erstaunlicher, dass sich in diesem Jahr ein Film derart durchsetzen konnte. Zumal es mittlerweile zehn Filme in der Kategorie Bester Film gibt. Es waren auch schon nur fünf. Originalität und Umsetzung der Story von EEAAO ist jedenfalls beachtenswert, gerade in Zeiten der endlosen Wiederverwertungen.

Everything Everywhere All At Once (R: Daniel Kwan, Daniel Scheiner, USA 2022)
Quelle: Wikipedia

Es war diesmal ein spannender Abend. In nahezu allen Schauspielkategorien waren die Prognosen knapp. Im Westen nichts Neues schnitt deutlich besser ab als erwartet. Eine große Auszeichung für die Filmlandschaft in Deutschland. Egal was man von dem Film hält, man sieht, was mit ausreichend Budget auch in Europa möglich ist. Abgezeichnet hatte sich bereits, dass The Banshees of Inisherin leer aus gehen würde (dieses Schicksal teilten am Ende auch noch Elvis, Tár und Die Fabelmans). Obwohl der Film im Herbst noch als Favorit gelten konnte. Die Kehrseite, wenn es einen großen Gewinner gibt.

In der Regiesparte wurden Frauen neuerlich ignoriert. Die neuen und umstrittenen Vielfälltigkeits-Kriterien werden das ab 2024 auch nicht ändern. Sie betreffen nur die Kategorie Bester Film. Dafür wurden in diesem Jahr wieder alle Preise live in der Show vergeben. Unter anderem die Oscars für Schnitt und Ton wurden im vergangenen Jahr bereits im Vorfeld überreicht. Die Show war damals trotzdem nicht kürzer, sogar länger als in den Jahren davor (das forderte nicht nur die ZuseherInnen zu Hause, sondern vor allem das Publikum im Saal, das angehalten ist, die Plätze nicht zu verlassen). In diesem Jahr war dafür für Einlagen abseits der Verleihungen keine Zeit. Das ist kein Nachteil, weil die Academy hier in den vergangenen Jahren kein glückliches Händchen hatte. Dem Eklat aus dem letzten Jahr wollte man heuer mit Humor begegnen. Will Smiths Ausraster zu ignorieren war keine Option.

Zu den Höhepunkten zählte ein sichtlich gerührter John Travolta, der mit den Worten „Hopelessly Devoted To You“ Olivia Newton John gedachte und Lenny Kravitz, der in Folge zu „In Memoriam“ am Klavier spielte.

Im vergangen Jahr rang man damit, wie mit dem Ukraine-Krieg umzugehen sei. In diesem Jahr hat man es gleich sein lassen. Es blieb an Yulia Nawalnaya hängen, sich dazu zu äußern, als sie und das Team von Nawalny den Oscar für den Besten Dokumentarfilm entgegennahmen.

So verlief der Abend relativ trocken. Die Präsentation der Songs war fast schon traditionell ein Tiefpunkt. All das wurde jedoch durch die hohe Qualität der Filme wettgemacht. Im Grunde war das Publikum am Ende zufrieden, da Everything Everywhere All at Once ohnehin der Gewinner der Herzen gewesen ist (Das Gartenbaukino in Wien war in diesem Jahr wieder voll).

She Said, Aftersun, Armageddon Time, waren Filme, um nur ein paar zu nennen, die an diesem Abend schmerzlich vermisst wurden.

Das Filmjahr

Everything Everywhere All at Once ist nur ein Beispiel dafür, wie Filme im Laufe des Jahres wahrgenommen werden. Da folgt ein Re-release dem nächsten. Noch deutlicher wird das bei Streamingproduktionen, die erst nach und nach einem breiteren Publikum bekannt werden. Erfreulicherweise waren so gut wie alle Filme aus der diesjährigen THE REEL THERAPIST-Bestenliste zumindest kurzzeitig im Kino zu sehen. Hinzu kommt, das der Anteil an Produktionen von Streamingplattformen deutlich geringer war, trotz des großen Erfolges von Netflix bei den Oscars. Interessant daran ist, das Netflix gegenüber der Konkurrenz hier deutlich die Nase vorne hat. Gleichzeitig gerät die Plattform immer mehr in die Kritik, weil sie Masse an Eigenproduktionen nicht einmal als durchschnittlich bewertet werden kann und immer mehr NutzerInnen verärgert.

She Said (R: Maria Schrader, USA 2022)

Die Industrie tut den Filmen nach wie vor nichts Gutes, wenn zwischen Premieren und regionalen Kinostarts Wochen und Monate vergehen (Von den bisher 24 in diesem Jahr gesehenen aktuellen Filmen hatte kein einziger seine Premiere 2023!). Allein Blockbuster erscheinen nahezu zeitgleich. Nur hier ist man sich des finanziellen Risikos bewußt, der mit einem verzögerten Start einher geht. Bei Filmen wie Marcel The Shell With Shoes On oder The Banshees Of Inisherin spielt das leider kaum eine Rolle. Marcel war nur für einzelne Vorstellungen im Programm. Immerhin. The Quiet Girl oder After Yang sucht man vergebens auf dem Spielplan. Sie sind selbst VOD nur über Umwege verfügbar.

Filmstill aus The Quiet Girl.
The Quiet Girl (R: Colm Bairéad, IRL 2022)

Rückblickend hatte die Viennale 2022 eine sehr starke Filmauswahl. So gut wie alle relevanten Filme, die damals bereits auf dem Markt waren, konnte man im Herbst in Wien sehen. Da hadere ich aber etwas mit der Unübersichtlichkeit des Programmes.

Die Bestenliste 2022 ist wieder etwas länger als im vergangenen Jahr. Wie immer gilt bei THE REEL THERAPIST alles ab einer 4 ★ Bewertung als Empfehlung. Anschließend sind diesmal sämtliche Filme aus dem Produktionsjahr 2022 aufgelistet, die ich in dieser Saison gesehen habe. Es sind 82 Filme. Oft stellt sich mir bei Bestenlisten die Frage, aus welchem Grund der ein oder andere Film nicht vertreten ist. So läßt sich die Auswahl besser einordnen.

Die besten Filme 2022

★★★★★

All the Beauty and the Bloodshed

Aftersun

The Banshees of Inisherin

Guillermo del Toro’s Pinocchio (Netflix)

Marcel The Shell With Shoes On

Tár

★★★★ ½

Armageddon Time

After Yang

Der Beste Film Aller Zeiten

The Fabelmans

The Fire Within: A Requiem für Katia and Maurice Krafft

Nawalny

RRR (Netflix)

Saint Omer

She Said

The Quiet Girl

Turning Red (Disney+)

★★★★

Argentinien, 1985 (Amazon Prime)

Avec Amour Et Acharnement (Both Sides Of The Blade)

Bardo (Netflix)

Bros

Decision To Leave

Eismayer

Die Elefantenflüsterer

Emergency

Emily The Criminal

Enola Holmes 2

Everything Everywhere All At Once

Glass Onion: A Knives Out Mystery (Netflix)

The House (Netflix)

Im Westen Nichts Neues (Netflix)

Meine Nacht Mit Leo Grande

The Northman

Rubikon

Sonne

Top Gun: Maverick

Tori Et Lokita

Threestousand Years Of Longing

Vera

Women Talking

X

Komplette Liste der gesehenen Filme mit Premiere im Jahr 2022

8 rue de l’humanite | Aftersun | After Yang | All the Beauty and the Bloodshed | Ambulance | Apollo 10 1/2 | Argentinien, 1985 | Armageddon Time | Athena | Avatar: The Way Of Water | Babylon | The Banshees Of Inisherin | Bardo | The Batman | Der Beste Film Aller Zeiten | Being The Ricardos | Blond | Bones and All | Avec Amour Et Acharnement (Both Sides Of The Blade) | Broker | Bros | Crimes Of The Future | Decision to Leave | Don’t Worry Darling | Emergency | Eismayer | Die Elefantenflüsterer | Everything Everywhere All At Once | Elvis | Emily the Criminal | Enola Holmes 2 | The Fire Within: A Requiem For Katia And Maurice Krafft | Glass Onion: A Knives Out Mystery | Guillermo del Toro’s Pinocchio | A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani | The House | Hustle | Im Westen Nichts Neues | Incredible but true | Die Fabelmans | Jackass Forever | Last Film Show | Lightyear | Marcel The Shell With Shoes On | Märzengrund | Massive Talent | Meine Nacht mit Leo Grande | The Menu | Mutzenbacher | Nawalny | The Novelist‘s Film | The Northman | Nope | Pacifiction | Pearl | Pleasure | Puss in Boots: The Last Wish | The Quiet Girl | Rimini | RRR | Rubikon | Sachertorte | Saint | The Sea Beast | She Said | Sonne | Strange World | Tár | Theatre Of Thought | This much i know to be true | Three Thousand Years of Longing | Top Gun: Maverick | Tori et Lokita | Triangle Of Sadness | Turning Red | Vera | Wendell & Wild | Werner Herzog: Radical Dreamer | The Whale | White Noise | Wo in Paris Die Sonne Aufgeht | Women Talking | X


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